Rezension – Michael Lüders: Never Say Anything

Michael Lüders ist führender Nah-Ost-Experten und -berater der Republik und Publizist. Seine Bücher sind in ein Gemenge politikwissenschaftlicher, geschichtlicher und journalistischer Fakten, die sein Expertentum immer neu unter Beweis stellen und aus meiner Sicht ein wertvoller Beitrag zum Verständnis des Nah-Ost-Konflikts darstellen. Insbesondere, wenn es um die unabweisbare Verquickung westeuropäischer und amerikanischer Interessen in diesem Konflikt geht.

Mit wissenschaftsjournalistischen Beiträgen, deren gesellschaftlicher Diskurswert durchaus mit Beiträgen von Frank Schirrmacher gleichzusetzen sind, hat er als eigentlich eine publizistische Nische gefüllt – und das mit seriösen, erfahrungsgesättigten Texten zum Thema. Noch bevor ich die erste Seite aufschlage, stellt sich mir die Frage: Wieso ein Roman? Michael Lüders möchte man das Motiv unterstellen, einen Käfig verlassen zu wollen; die Gefangenschaft einer wissenschaftlichen oder medienkonformen Pressesprache durchbrechen zu wollen, deren Zugzwänge objektiver Themengestaltung angesichts des zu beschreibenden menschlichen Unglücks in Nah-Ost-Konflikt nachgerade eine Verrohung darstellen. Weil eine Geschichte zu erzählen immer näher am Menschen ist als Informationen zu vermitteln.
Es war von vorneherein klar, dass dieser Roman das sachkundige Gewicht des Experten Lüders zum Fundament hat, das er einen erzählerischen Überschuss darstellt, der in der Faktenlage unerwähnt geblieben ist.
Und so wird man von Lüders auch recht kurzfristig in ein Massaker geführt. Wir folgen der Journalistin und Protagonistin der Geschichte, der Journalistin Sophie Schelling, in diesen Albtraum, die aus äußerst unverdächtigen und nachvollziehbaren Gründen in Marokko einen Reisebericht verfassen will. In Begleitung der einheimischen Vertrauensperson Hassan Maliki, ebenfalls Journalist, wird sie im entlegenen Dorf Gourrama erst Zeugin des brutalen Mords an einen Hirten durch eine Drohne, um später einen großangelegten Angriff auf die Gemeinschaft durch Drohnen und Soldaten der US-Armee äußerst knapp und zufällig zu überleben. Hassan Malaki ist unter den Opfern.
Ihre Errettung erfolgt durch eine unbekannte Gruppe, die sie nach kurzer Erholungszeit und ohne Erklärung der deutschen Botschaft überstellt. Sie ist zurückgeworfen nach Europa, alleingelassen mit der Erfahrung eines Massakers an Zivilisten, ihrer eigenen Nahtoderfahrung und den überdeutlichen Versuchen öffentlicher Stellen, den Vorfall ungerechtfertigerweise als Antiterrorkampf der USA darzustellen. Es entwickelt sich ein ungleicher Kampf zwischen Sophie Schelling und den amerikanischen Interessen, deren geheimdienstliche Gestalt die Journalistin immer mehr in die Defensive treibt, bis eine bürgerliche Existenz nicht mehr lebbar ist. Bis Hilfe kommt.
Man ist hin- und hergerissen. Hätte nicht Michael Lüders diese Möglichkeiten der Nachstellung von Personen in der europäischen Öffentlichkeit dargestellt, insbesondere bei einer Journalistin, deren Status aus gängiger Sicht geschützt sein sollte, würde das Wort von Verschwörungstheorie gehen. Die Vernichtung der bürgerlichen Existenz eines Bewohners westlicher Demokratie ist als Thema nicht neu. Hat nicht Will Smith bereits im Film »Staatsfeind Nr. 1« 1998 die Möglichkeiten eines umfassenden observierenden Staatsapparats aufgezeigt, der die Möglichkeiten der technischen Vernetzung der Menschen auszunutzen vermochte? Das war noch vor dem 11. September, zeitnah zum Zusammenbruch der DDR, was die Frage aufwarf: Was hätte die Stasi mit diesen Möglichkeiten der Überwachung angefangen?
Bemerkenswert sind dennoch die Paralleln. Die Suche nach abhörsicheren Räumen wird zum Handlungsmittelpunkt der Figuren in Lüders Roman. Die perfiden Methoden des Abhörens unterlaufen diese Absichten und führen zu immer neuen Konfrontationen und Datenlecks auf beiden Seiten. Eine tiefsitzende Ohnmacht bestimtm den Text. Und ein Katz- und Mausspiel zwischen Sophie Schelling und ihrer immer sichtbarer werdenden Konkurrentin Cochrane, die jedes Maß der Zurückhaltung in diesem Fall zu verlieren scheint. Von Anfang an erstickt die Unterstützung ihrer Zeitungsredaktion, der gefühlte Hort der publizistischen Wahrheit, in einem Netz von Intrigen, Missgunst und Feigheit.
Spoiler nennt man die Unkultur, zu viel über eine Story zu verraten. Ich lasse weg, wie die Story endet, lade aber jeden ein, mit mir darüber zu sprechen, ob das Ende überraschend, wenngleich etwas enttäuschend ist.
Was dem Roman auf jeden Fall gelingt, ist die Ohnmacht der Menschen im Nahen Osten zu verdeutlichen, die oftmals zwischen Kräfte mit schwer einschätzbaren, oft wirtschaftlichen Interessen geraten und deren Tod in Europa wie USA bedeutungslos erscheint. Alle Kraft, selbst Einzelschicksale sichtbar zu machen, scheint wirkungslos zu verpuffen. Und er zeigt auf, dass der Feind in einer hochtechnisierten Welt nicht von Außen kommen muss. Sollten demokratische Regulierungsorgane wie Presse, Justiz und Parlament unfähig sein, Unrecht zu benennen und Gerechtigkeit herzustellen, ist der Zustand eines Landes marode und unsicher.
Eine gewisse Last hat dann die Geschichte doch durch den Wunsch des Autors, seine Botschaften zu setzen. Erzählerischer Überfluss der Opfer des Nah-Ost-Konflikts und der europäischen Beteiligung hätte mit weniger Moral, weniger Schwere funktioniert. Der tote Hirte, denkt man, wäre Symbol genug gewesen. Mehr von ihm zu erfahren hätte die Verantwortlichen für seinen Tod an den Pranger gestellt. Sophie wirkt manchmal als Figur wenig authentisch. Mal stark, mal schwach, mal posttraumatisch, mal konfrontativ, zuweilen irrational. Sie ist nach dem Massaker eine andere, aber was sie ist ist mir unklar geblieben. So bleiben die Figuren weniger schillernd als die Konfrontation der gesellschaftlichen Systeme. Des Systems des Nahen Ostens, der westlichen europäischen Länder und deren Wandel zu einem technischen Zeitalter, deren Gefahren die Menschen noch unterschätzen.
Es lohnt sich, Lüders zu lesen.

Vielen Dank dem Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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