Kenah Cusanit: Babel Hanser 2019 (4. Auflage)

Selten, dass ein Buch mich gleichermaßen gefesselt wie abgestoßen hat. Grundsätzlich geneigt, die Lebenszeit des Autoren beim Verfassen eines Buches hoch anzurechnen, stoßen mich eigentlich nur die Bücher ab, die lieblos und billig gemacht sind. Oder zumindest die Liebe und das Wertvolle nicht für mich erkennbar machen.
Bei Babel ist es anders. Es fühlt sich für mich verschwenderisch an, es geht durch mich durch, ohne dass es begeistert, gleichwohl es eine so hohe Dichte an Wissen besitzt.
Aus der Perspektive Dr. Koldeweys, der im Auftrag der orientalischen Gesellschaft und mit Rückenwind durch Kaiser Wilhelm II. Babylon ausgräbt, entfächert Cusanit ein Meer an Betrachtungen, Begebenheiten, Details, Reflexionen und historische Einordnungen, dass einem ähnlich schwindelig zu werden droht wie Dr. Koldewey selbst. Er liegt mit einer Blinddarmreizung nieder und ist Ausgangspunkt all der Anekdoten und Erzählungen, die nur durch knappe Übergänge voneinander abgegrenzt, dargelegt werden. Er wälzt ein medizinisches Lexikon zum Thema, blickt auf die Ausgrabungen, schikaniert seinen Assistenten, wühlt missmutig in der Korrespondenz. Und in einer Art inneren Monolog, der von gelegentlichen Gesprächen mit Mitarbeitern, die an sein Krankenlager treten, unterbrochen werden, rollt der Text auf den Leser zu. Unangenehm sind in dieser Flut die wenigen Absätze, langen Sätze, Themensprünge. Genau weiß man nicht, warum ein Kapitel endet und ein neues beginnt. Die Wechsel wirken, als hätte beim Interview der Kameramann die Filmrolle oder das Akku wechseln müssen, während der Erzähler weiter berichtet. Und da der Erzählrahmen, der, wenn nicht gerade von Pessimismus, so doch von Übellaunigkeit gezeichnet ist – denn in der Hitze des Ausgrabungsorts und in Ungewissheit über ärztliche Hilfe, ist der Erzählstil konsequent – bleibt der Text pointenlos.
Hinzu kommt die seltsame Zweidimensionalität der Figuren selbst. Über Koldewey erfährt man nur, dass er sehr ungeduldig ist und Personalführung, wie man es heute anstrebt, nicht kennt. Die Herabsetzung seiner Mitarbeiter schmerzt. Diese werden dann aus dem einzigen Blickwinkel des Buches, Koldewey selbst, reduziert auf ihre Unfähigkeit. Sympathien bringt das dem Protagonisten nicht, aber dazu muss dann ein Buch auch nicht dienen. Nur hätten wohl aus meiner Sicht die mit den Ausgrabungen verbundenen Gefühle der Freude beim Fund, der Euphorie im Kontrast der langfristigen Geduld, die Erhabenheit, die der Turm zu Babel auslösen müsste, mehr Authentizität vermittelt. Ich habe eher den Eindruck gehabt, einem Grabungsbericht zu lauschen, der durchwirkt von Betrachtungen über technische Neuentwicklungen in der Fotografie oder der Architektur Berlins in der Vorkriegszeit, erschöpft vorgebracht wird. Allerdings sind diese einzelnen Momente wiederum ungemein genau und spannend, die Bedeutung des Films und der Fotographie nachgerade philosophisch. Aber ich glaube, bei Gräber Götter und Gelehrte habe mich seinerzeit mehr amüsiert.

Ausverkauft

„Das Haus des Architekten“ ist bei Bäckerei Campe in Sandstedt ausverkauft. Die Neubeschaffung dauert immer ca. 10 Tage, so dass ich ab dem 18.09. mit neuen Bänden rechne. Alldieweil wird die E-Book-Version zur Erinnerung an meinen 20. Geburtstag ab dem 11.09. für eine Woche zum verminderten Preis bei Epubli zu beziehen sein.

Chronik fremder Zeit

Vor 10 Jahren habe ich mit einem Roman begonnen, durch den ich mich ernsthaft mit dem Schreiben auseinandergesetzt habe. Dabei habe ich einen Stoff verwendet, der seit Jahren auf dem Schreibtisch lag und auf einer Idee von André Bödecker und mir fußt. Eine Art Fantasy, und doch passt das Buch nicht wirklich in das Genre.
Aus heutiger Sicht würde ich vieles anders machen. Ich habe es aus der Liste meiner Bücher zurückgezogen, um es gründlich zu bearbeiten, aber dann starken Zuspruch bekommen, den Text so zu belassen. Natürlich kann man die Konstruktion verfeinern und straffen, aber es würde viel von der Grundidee verloren gehen. Und die ungehemmte Schreibfreude, die hinter dem ganzen Buch steht, würde auch verwischt.

Demnächst erscheint „Chronik fremder Zeit“ in einer korrigierten und neu formatierten Version. Es ist ein Buch über Liebe, Macht, Verrat und Tod. Er ist im November 2010 erschienen, knapp 2,5 Jahre, nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, das Buch zu wagen. An alle, die mich bestärkt haben: Vielen Dank.

Mit Autoren der Region auf der Offenen Bühne!

Boot am Fluss
Am Fluss

Das war gestern, am 31.08.18, im Hermann-Allmers-Haus ein toller Abschluss vom Vorlesefieber. Vorher hat der fantastische Winfried Hammelmann aus seine Roman „Zeit für Wolke 7“ gelesen und aus seinem Leben erzählt. Danach wurde die Offene Bühne mit den Autoren der Region eröffnet. Das war ein Potpourri an Textformen, Arbeitsweisen, Themen und Sprache – und Winfried Hammelmann hat auch noch einmal nachgelegt. Ich muss sagen: Echter literarischer Reichtum, der in dieser Gegend wächst. Plattdeutscher Science-Fiction, Poetry-Slam, Gedichte an der Grenze des Expressionismus und vieles mehr – es ist der Hammer. Danke an die Veranstalter.