V. M. Straka: Das Schiff des Theseus

Ein ungewöhnliches Buch ist mir in die Hände gefallen. Eine einzige Fälschung und Konstruktion, angefangen vom Material bis weit in den Inhalt hinein. Es gibt vor, von einem Autor namens V.M. Straka zu sein und heißt: „Das Schiff des Theseus“.
Aber die Wahrheit ist, dass es ein rätselhaftes Buch von J.J. Abrams ist, der – einige wissen es vielleicht nicht – der Regisseur der letzten Enterprise-Kinofilme und des neuen Star-Wars ist. Die Autorschaft hinter dem Buch liegt bei Doug Dorst, der ebenfalls einen hohen Bekanntheitsgrad hat, mir aber nicht so geläufig ist.
Das Buch aber ist kein Science-Fiction. Es ist eine detailliert durchkomponierte Verneigung vor der Literatur. Das ganze Design gibt vor, ein Leihbuch aus den 50ern Jahren in den Händen zu halten. Vergilbtes Papier, altmodischer Einband, Ausleihstempel im Rückdeckel, eine Signatur fürs Bücherregal auf dem Rücken. Es wirkt faszinierend authentisch, nur den staubigen Modergeruch dieser Ausleihwerke konnte man nicht imitieren.
Das Druckbild ist ebenso alt und großzügig angelegt, so dass Platz für Notizen bleibt. Und nun kommt es: Tatsächlich ist ein intensiver handschriftlicher Gedankenaustausch zweier Leser dieses Buches auf den Seiten abgebildet, die vorgeblich halb kommentierend, halb dialogisch, den Text erschließen. Mann und Frau, eine Studentin, Jen, die ein Verehrer des fiktiven Autors Straka ist, und ein mit seiner Promotion an den Widrigkeiten akademischer Intrigen gescheiterter freier Forscher names Eric mit profundem Wissen. Man hat also mindestens zwei Textebenen: Der Text vom „Das Schiff des Theseus“ und den begleitenden Dialog, sowohl auf den Text bezogen als auch auf die beiden Protagonisten selbst. Es gibt noch eine weitere Ebene: offenbar Bleistifteintragungen einer ersten Lektüre durch Eric (schlichte Kommentare und Verweise auf andere fiktive Texte des Autors) und eine später zugeführte Kommentierung aus der Zukunft, die das Geschehen im und um den Text aus späterer Perspektive reflektieren. Alles sieht nach Arbeit aus, hemdsärmlig und konzentriert.
Allein diese Idee wäre schon atemberaubend genug, doch zusätzich ist in dem Buch verteilt Material eingelegt, um die unterschiedlichen Ebenen der Texte zu unterstützen. Bilder, Karten, Fotokopien aus Briefarchiven, Zeitungsartikel. Alles genauso liebevoll gestaltet wie das Buch, unterschiedliche Papiersorten, zeitgemäß, geheimnisvoll.
Man könnte den Text vom „Das Schiff des Theseus“ allein schon mit Genuss lesen, der ist rätselhaft und spannend. Schon die von Anfang an gestellte Frage nach der Autorenschaft und die Rolle des Übersetzers, der sich und seine Beziehung zu Straka im Vorwort vorstellt, zieht einen in den Bann. Ist der Übersetzer Straka selbst? Aber die Rätsel der Gesamtkomposition verwzeigen sich deutlich tiefer.
Es ist eine limitierte Auflage, sie kostet 45 Euro. Aber es ist ein Buch, von dem J.J. Abrams sagt, dass es eine Verneigung vor dem gedruckten Wort ist. Die Arbeit, die es ausströmt, die Beschäftigung mit seinen unterschiedlichen Ebenen, die Suche nach der Wahrheit hinter dem Text – es entsteht erst durch die unterschiedlichen Materialquellen und Textebenen die eigentliche Kostbarkeit hinter dem Buch. Es ist eine Botschaft. Jeder Text kann auf diese Weise ein Mysterium werden, das sich nicht beim ersten Durchlesen erschließt. Es könnte sich ein ganzes Universum erschließen, der weit über das Sichtbare hinausgeht. Kaufempfehlung!

http://www.kiwi-verlag.de/buch/s-das-schiff-des-theseus-limitierte-auflage/978-3-462-04726-4/

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