Gelesen – Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Bücher, die das Leben in den Bergen widerspiegeln, sind nicht Teil meines Leseprogramms. Als ich „Ein ganzes Leben“ zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, bekam ich einen Text, den ich mir wahrscheinlich nie gekauft hätte. Es ist gut, dass Menschen mit ihren Geschenken auf Bücher aufmerksam machen, die einem vielleicht entgangen wären.
Das Buch beschreibt auf 160 Seiten das Leben des Dorfbewohners Andreas Egger. Meine kulturellen Unschärfen mit der Bergregion ist so stark ausgeprägt, dass die Geschichte genauso in Bayern wie in Österreich spielen könnte. Ich tippe auf Österreich.
Auf den wenigen Seiten schafft es Seethaler, ein komplettes Leben mit dramatischer Tiefe zu vermitteln, das von aussen betrachtet eine menschliche Marginalie darstellen würde. Aber das ist die Kraft des Buches: Es macht deutlich, wie vielschichtig eine menschliche Geschichte ist, dass man niemals von einem einfachen Leben sprechen kann. Die schwierige, gewaltgeprägte Kindheit als Waise, die doppelte Stigmatisierung als Krüppel (Folge der Gewalt des Vaters), Liebe und Verlust, der Bau der Seilbahn im Tal, der Krieg und das Ausklingen des Lebens als Sonderling im Heimatdorf. Man geht emotional durch jede der Phasen. Mein Lieblingssatz:

Jeder hinkt für sich allein.

Es gibt den Vorwurf, der Stoff sei in Train Dreams von Denis Johnson bereits verarbeitet worden. Ich habe es nicht gelesen. Mir fällt auf: Ein Remake eines Films und die Neuinterpretation eines Songs gelten in den meisten Fällen als Aufwertung einer Idee, in der Literatur wird schnell der Vorwurf eines Plagiats erhoben. Ich bin ein klarer Gegner von Plagiaten, aber kann nicht das Neuerzählen einer Geschichte auch eine Aufwertung sein? Zum Beispiel ist der Stoff von Dr. Faust ebenfalls mehrfach erzählt worden …

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