Gelesen: Umberto Eco – Nullnummer

Umberto Eco:

Ich schicke voraus, ich bin ein Fan von Umberto Eco. Mit »Nullnummer« beendet er, wenn ich seine Aussagen im Interview in »Die Zeit« vom 08.10.2015 angemessen interpretiere, die Romantätigkeit. Vielleicht aber auch nur das Verfassen der Art von Büchern, die Verschwörungstheorien und ihre Akzeptanz in der Bevölkerung zum Inhalt haben. Bestseller, die ein Wechselspiel von Medientheorie und menschlichen Abgründen kennzeichnet.

Wenn ich auf meine ersten Erfahrungen im »Der Namen der Rose« und »Das Foucaultsche Pendel« zurückblicke, war darin dieser unverwechselbare Stil von Krimi, fesselnder Figurenentwicklung in einem hochdramatischen Plot, Literaturgeschichte sowie Ideen- und Ideologiekritik zu einem spannenden Cocktail verrührt. Okay, er mäanderte schon immer. Manche Seite überblättert der in Geschichtsfragen nicht gefestigte Leser. Wo fängt Umberto Eco an, augenzwinkernd seinerseits Verschwörungen in die Welt zu setzen? Doch Mißtrauen ist möglicherweise eine Haltung, die er bei seinen Rezipientinnen erreichen will. Dafür schätze ich ihn.

Der kurze Überblick:

In Nullnummer führt er dieses Programm fort und setzt, wie gesagt, auch einen Schlusspunkt. So ist ein erster Eindruck, in dem für seine Verhältnisse recht schmalen Band von 230 Seiten, eine Art foucaultsches Pendel light zu lesen. Das letzte Mal nimmt der Autor seine bewährte, der Tiefe wegen kaum anfechtbare, Schreibmethode auf, um einem aktuellen Phänomen Paroli zu bieten, was zugegebenermaßen seinem Oevre bisher irgendwie fehlte: Die modernen Massenmedien. Und die Entscheidungen der Menschen dahinter, die Nachrichten produzieren. Während ich dies schreibe entsteht vor meinem geistigen Auge der Jorge von Burgos, der hinterlistig das Buch des Aristoteles vergiftet, um seien Leser zu töten. In Nullnummer führt vieles zusammen.

Der weite Blick:

Nullnummer ist eine Zeitungsausgabe, die nicht dem Verkauf dient. Wikipedia erklärt, es ist eine Art »Modellausgabe«, um z.B. Sponsoren zu werben. In Ecos Geschichte wird eine Serie von Nullnummern produziert, um politischen Druck auszuüben. Auf dem Niveau etwas der »Bild« wird in dem Roman in den 90er Jahren eine Redaktion zusammengesetzt, die über nichts weiteres nachdenkt, als eine diffamierende, anspielungsreiche Zeitung zu produzieren, die ohne Beweise, nicht mal mit Indizien, Menschen im öffentlichen Leben kompromittieren soll. Ihr Name: Dieri, Morgen. Das Ziel des Verlegers: Man möge ihn bitte in den Kreisen der Mächtigen nach den ersten Nullnummern Angebote machen, die Zeitung gar nicht erst erscheinen zu lassen und z.B. einen Sitz im Parlament geben. Eine Totgeburt von Beginn an, für ein Jahr ausgelegt (12 Nullnummern sind in Planung) und für den Chefredakteur Simei wäre es eine Horrorvorstellung, sollte die Entscheidung für eine tatsächliche Publikation des Blattes fallen.

Im Wesentlichen beschreibt nun das Buch die Redaktionssitzungen eines Stabs mal dümmerer, mal genialer, obwohl gescheiterter Journalisten im Ringen darüber, was die Zeitung für Artikel braucht und wie diese wirken. Jeder von ihnen, auch die qualitativ hochwertigen Protagonisten, kennt das Geschäft der Manipulation. Hier gewinnt das Buch sicher noch mehr an Sinn, hat man Wissen über die italienische Tagespolitik der 90er. Ich hatte es nicht. 🙁

Parallel zu dieser unterhaltsamen, wenngleich schnell erschöpften Rahmenhandlung gibt der Chefredakteur dem Hauptakteur der Geschichte, Dr. Colonna, den Auftrag, über dieses Jahr der Redaktion ein Buch zu schreiben. Es soll ihm helfen, seinerseits gegen den Verleger Munition zu haben. Da es aber auch seinen Namen tragen soll, dient es wohl auch als Verdienstquelle nach seiner Zeit als Redakteur. So hat Dr. Colonna als Teil der Redaktion eine zusätzliche, beobachtende Aufgabe. Die Aufzeichnungen zu diesem Buch wiederum sind in »Nullnummer« Teil eines sich entwickelnden Thrillers, da sie gestohlen werden.

Zuletzt prägt das Buch die investigative Arbeit von Romano Braggadoccio, der einer fetten Verschwörungstheorie auf der Spur kommt und zunächst nur seinen Redaktionskollegen Colonna, später den Redakteur, ins Vertrauen zieht. Die Ausführungen Braggadoccios sind weitreichend und nehmen aus meiner Sicht einen großen Teil des Romans in Anspruch. Sie sind mit Fakten zur italienischen Geschichte gefüllt und haben ein Ziel: dem Leser langsam vor Augen zu führen, dass Mussolini nicht nach Kriegsende erschossen wurde. Die Leiche des Duce war – wie ein ausführlicher Obduktionsbericht, der zur Gänze abgedruckt und schwer zu verdauen ist, zeigt- keineswegs zu identifizieren. Vielmehr geht Braggadoccio davon aus, dass Mussolini mit Unterstützung mächtiger Förderer nach Argentinien floh, von wo aus er 1970 einen Putschversuch in Rom startete. Dieser Putschversuch, der sog. Försteraufstand, ist so eine Fußnote der Geschichte, die ich bisher nicht auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen konnte. Er brach der der Theorie Braggadoccios zufolge zusammen, weil Mussolini auf den Weg nach Italien verstarb.

Fazit:

Die zynischen Redaktionssitzungen, der hintergründige Verschwörungsthriller, die Liebe Colonnas sind alles in einem bewährten, einnehmenden Stil verfasst. Die Verschwörungstheorie greift in der Geschichte immer weiter um sich und wirkt auf mich, als ob sie ein Ungleichgewicht in der Story erzeugt.

Der Geschichte spielt in den 90ern. Eco sagt, ganz bewusst jenseits der digitalen Möglichkeiten der Nachrichtenproduktion heute, die im Kern viele der manipulativen Strategien der Redaktionssitzung haben Wirklichkeit werden lassen. Die Kraft, Assoziationen auszulösen, Spekulationen Raum zu bieten und Shitstorms als moralische Urteilsinstanz zu etablieren ist demnach kein Phänomen digitaler Medien. Sie wurzelt in der Tendenz der Menschen, die Emotionalität einer Nachricht über ihren Inhalt zu stellen.

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