John Williams: Stoner

In den 60ern geschrieben und neu entdeckt. Vielleicht im Zuge weiterer Texte, die den Fokus auf die Biographie einer Figur haben, die konzentriert erzählt wird. Vielleicht kann man das als eine Renaissance von Bildungsromanen beschreiben? Zuletzt las ich Seethalers „Ein ganzes Leben“, selbst im Verdacht einer Adaption einer ähnlichen Vita aus den USA.
Der Unterschied des Lebens von William Stoner und Seethalers Figur Andreas Egger: Williams befreit sich von dem sozialen Umfeld seiner Ursprungsfamilie, einer bitterarmen Farmerfamilie, Andreas Egger bleibt immer Außenseiter, sein Aufstieg scheitert und doch ist Eggers glücklich. Bei Stoner ist es anders.
Der Aufstieg von William Stoner wird gleich in der Einführung relativiert. Als Mitarbeiter der Universität in Missouri „brachte er es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor“, der zudem Wenigen in Erinnerung geblieben war. Womit mit diesem Aufstieg ein Scheitern impliziert ist.
Die Launen des Zufalls und des Vaters von William wollten es, dass ihm ein Studium abverlangt wurde, das keineswegs der Logik seiner biographischen Erwartungen gelegen hätte. Doch offenbar hatte Stoners Vater eine Vision. Der karge Boden, die harten Lebensumstände, die Perspektivlosigkeit für die Farm: Nur wissenschaftliche Methoden, so die schlichte Sicht des Vaters, könnten helfen, mehr aus dem Besitz zu machen, so schickt er seinen Sohn zur Universität in Missouri für ein zweijähriges Landwirtschaftsstudium. Ein hartes Leben zwischen den Aufgaben als Arbeiter auf der Farm der Verwandten und den Anforderungen der Universität schafft er mit der Kraft der Jugend und einer stupiden, jedoch systematischen Arbeitsweise, die sein weiteres Leben prägen sollte.
Durchbrochen wird dieses weniger intellektuell inspirierende als fleißige Leben von dem Dozenten Sloane, der ihn animiert, nicht nach zwei Jahren zur Farm zurückzukehren, sondern Student der Literaturwissenschaft zu werden, gleichwohl ihre Begegnungen im Unterricht von Sloane dieses Angebot nicht nahelegten. Und von sich selbst überrascht, durch Sloane zur Klarheit gedrängt, sagt er ja zu diesem Schritt.
Nach dieser recht leidenschaftslosen Emanzipation von seinem Elternhaus und vorherigen Leben, dennoch beseelt von dem Gedanken, das Richtige für sich gefunden hat, durchläuft nun Stoner die Karriere an der Universität. Der Erste Weltkrieg stellt eine große Herausforderung dar, weil die meisten Kommilitonen nach Europa in die Schlacht streben und seine Dreierclique sehr schnell den Tod eines geliebten Freundes zu beklagen hat. Die zahlreichen Andeutungen im Buch, dass der Schritt, an der Universität zu bleiben, Konsequenzen hat, bewahrheitet sich nicht. Der dritte aus der Clique, Gordon Finch, kommt als Held in Uniform aus dem Krieg zurück. Er spricht nicht über das Erlebte, macht seinem Freund Stoner keine Vorwürfe, aber ist deutlich erfolgreicher bei seiner Karriereplanung und wird, von Jahr zu Jahr korpulenter werdend, später Dekan. Doch Stoner ist mit seiner Rolle an der Universität, auch wenn sich ihm Gelegenheiten bieten, zufrieden.
Es wirkt, als würde der Schwung seines Aufstiegs verebben, weil ihr Ursprung auf der kargen Farm ihn nicht mit mehr Kraft hatte abheben lassen. Und mit einem gewissen Bedauern hofft man, dass immerhin sein Privatleben sich über alles hinweghebt, dass ihm seine Anfänge versprochen hätten.
Er heiratet etwas über seinen Stand, würde man sagen, und offenbar mit dem Rückenwind der Liebe, während seine Auserwählte Edith, Nichte des Dekans für Kunst und Wissenschaften Claremont, eine bemerkenswerte sozialphobische Tendenz zeigt. Doch beide sind jung und, wie John Williams es beschreibt, unschuldig, weswegen man als Leser der Sache eine gute Chance gibt. Die Entwicklung der beiden ist aber tragisch.
Ediths psychopathologische Neigungen wachsen, während Stoner keinen Weg findet, mit den Auswüchsen ihrer Ehe umzugehen. In einer schwer zu deutenden Nacht, in der Edith eine von Abscheu gezeichnete Paarungsbereitschaft zeigt, zeugen sie Greta, ihr gemeinsames Kind. Edith zieht sich immer mehr in ihre Welt kostspielige Welt zurück, während Stoner Haushalt und Erziehung von Greta neben seinen Aufgaben an der Universität bewerkstelligt. Wieder das Motiv eines Doppellebens, wie in der Anfangszeit. Seine Kraft scheint überirdisch, doch er hält alles zusammen. Eine Stelle in dem Buch, in dem man sich wünschte, mehr von den Empfindungen Stoners zu erfahren, doch er scheint diese sozialen und beruflichen Szenen zu bestellen wie seine Familie die kargen Felder ihrer Farm. Vielleicht ist das auch das bestimmende Moment des Eindrucks, dass er scheitert. Weil er vielmehr Freude und soziale Wärme aus seiner Ursprungsfamlie heraus erfahren haben könnte.
Die Mühsal dieses Lebens erfährt erst eine Herausforderung, als er sich einem akademischen Gegner gegenübersieht, den er sich nicht ausgesucht hat: Lomax, der fluffige Kollege, der scheinbar einer Gruppe Akademiker zugehörig ist, die weniger durch Fleiß und Fachwissen, als durch Seilschaften und Intrigen die Karriereleiter heraufgeklettert waren. Der dabei aber mit lässiger Haltung die Menschen für sich gewinnt. Stoner ist es seiner Berufsauffassung schuldig, Walker, einem Studenten von Lomax, durch die Prüfung fallen zu lassen. Der Affront ist da. Selbst Finch, der Dekan, schafft es nicht, ausgleichend auf den Konflikt einzuwirken, und kann nur mit Mühe eine Eskalataion verhindern.
Unversöhnlich leben nun für die nächsten Jahrzehnte die Professoren nebeneinander. Ein Konflikt, den Stoner nicht gewollt hätte, aber in dem er einen unverrückbaren Standpunkt verrät.
Und so sind die Koordinaten des Lebens von William Stoner gesetzt. Man denkt: Bis zu diesem Punkt baut sich konfliktreich die Biographie um William Stoner auf, danach passiert aber etwas, was aus meiner Sicht dramaturgisch überrascht, aber dem wirklichen Leben durchaus entspricht: Die Figuren entwickeln sich nicht weiter, altern über Jahrzehnte mit ihren Konflikten, die sie nicht mehr lösen können, nur Tod und Krankheit bring noch Veränderung. Die Tochter Greta entwächst ihm, ab einem bestimmten Alter nimmt sie Edith zu sich und schützt sie vor Stoner, er zieht sich immer mehr auf das Akademische zurück, es tut sich nichts mehr.
Sein Tod, in dem teuer gekauften Haus, aufgebettet auf dem Sofa im Wintergarten und umringt von Büchern, von einem Tumor besiegt, ist unendlich traurig. Er blättert in seinem Buch, das er einst geschrieben hatte und man fragt sich, wie viel mehr er hätte leisten können, wenn die Umstände glücklicher gewesen wären. Wie viel mehr Glück hätte er erfahren können, wenn Edith sein liebevolles, wenngleich dröges Leben geschätzt hätte, wenn seine später zur Alkoholikerin geratenden Tochter mehr Zeit mit ihm hätte verbringen können. Als er stirbt, gleitet sein Buch ihm aus der Hand und fällt zu Boden, er ist allein.

Besonders im Vergleich zu Seethalers „Ein ganzes Leben“ ist Stoner interessant. Die akademischen Beschreibungen wirken manchmal fremd, doch vermag ich zu berichten, dass ich Ähnliches in deutschen Universitäten erlebt habe. Insbesondere Konflikte, die über Jahrzehnte hinweg das akademische Leben geprägt und Chancen der Entwicklung blockierten. Vielleicht sollte man sich vor dem Lesen noch einmal erinnern, dass die Universität als Metapher des Aufstiegs in Europa gilt, Bildung als Aufstiegschance. Der Roman bricht mit der Idee des amerikanischen Traums, durch Tellerwäsche zum Millionär zu werden, auch Bildung ist ein Weg. Bemerkenswert ist für mich, dass ich von dieser Maxime ausgehend nie gemerkt habe, dass der Text selbst in den 60er Jahren geschrieben wurde.
Bei mir ist das Gefühl von Mitleid mit William Stoner zurückgeblieben.

John Williams: Stoner. DTV, 2014 (1965), 345 Seiten. 9,90 Euro

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